Wie Minimalismus das Schriftstellerleben erleichtert

Beim Minimalismus geht es nicht nur ums Ausmisten und wenig besitzen. Wie ich in der Rezension von „Das kann doch weg“ von Fumio Sasaki geschrieben habe, kann Minimalismus dabei helfen, einen geordneten und freien Geist zu haben, sodass das Arbeiten leichter von der Hand geht.

Funktioniert das wirklich?

Ja! Es funktioniert.

Ich habe es getestet – denn seit Januar 2017 bin ich Minimalistin.

 

Kia und der Minimalismus

Als ich jünger war und noch im Elternhaus gewohnt habe, war Besitz etwas Gutes. Shopping war ein Hobby. Es war vollkommen normal für meine Familienmitglieder, meine Freunde und mich, sich ein Mal oder mehrmals im Monat Bekleidung oder Schmuck zu kaufen. Um sich etwas zu gönnen. In Cafés rumsitzen und 3,00 € für einen Kaffee zu zahlen, den man zu Hause günstiger oder gar kostenlos haben konnte, war hingegen Verschwendung.

Die Folge dieses Verhaltens war Krempel. Ich bin kein Messie, aber es fällt mir extrem schwer, Dinge loszulassen. Ich habe mich als erstes beim Minimalismus von der Illusion getrennt, ich könnte nichts wegwerfen. Denn Dinge, die man sich kauft, erzeugen zunächst ein Glücksgefühl, das dann in Vertrautheit übergeht und schließlich in Langeweile oder – in meinem Fall – Stress ausartet. Seit 2015 wohne ich in Hannover. Nicht mittendrin, aber von der Lage her könnte man es als „Nähe Innenstadt“ bezeichnen. Meine Miete ist teuer, auf 32 Quadratmetern lebe ich mit all den vielen Dingen, die mir kaum Luft zum Atmen lassen.

Das ist übertrieben, denkst du? Nein, das ist es nicht. Ich denke und empfinde wirklich so. Meine Wohnung sieht nicht schön aus, es befindet sich zu viel Kram darin. Und das Schlimme: Es ist nicht genutztes Zeug.

Die E-Gitarre war ein Geschenk zum 18. Geburtstag, ja. Aber ich spiele seit fast fünf Jahren keine Gitarre mehr.

Das Bügelbrett hat einen Wert von 60 Euro und ich habe es geschenkt bekommen, ja. Aber ich habe seit es in meinen Besitz gekommen ist, nicht gebügelt. Versteh den Sinn davon nicht.

Der Beistelltisch ist echt fancy und in einem super Zustand. Aber da ich weder Bett noch Sofa besitze, ist er eine Mischung aus Staubfänger, Kleiner-Zeh-Brecher und Platzverschwender.

All das stört mich. Und ich will es loswerden. All diese drei Gegenstände befinden sich noch in meiner Wohnung – gemeinsam mit viel zu viel unnützem Kram. Aber dennoch bezeichne ich mich als Minimalistin.

Minimalismus ist nicht der Zustand des Am-Wenigsten-Besitzens. Minimalismus ist die innere Haltung, ein Mindset. Es ist ein Prozess und eine Verhaltensweise. Ich kaufe nur, was ich wirklich brauche. Das hat meine Ausgaben für Bekleidung von locker 30,00 € im Monat auf ca. 100,00 € im Jahr reduziert. Statt Dinge zu kaufen, investiere ich in Massagen, Sauna, Schwimmbad, Kino, Reisen, Café-Besuche und alles, was mit Erlebnissen und Erinnerungen verbunden ist. Ich spare kein bares Geld beim Minimalismus, aber ich genieße, was ein längeres Glücksgefühl nach sich zieht.
Minimalismus ist darüber hinaus der Verzicht auf Exzesse, sagt zumindest Sasaki in seinem Ratgeber. Denk‘ mal darüber nach: Was bedeutet Minimalismus für dich?
Und allen voran: Trenne dich von dem Gedanken, man dürfe nur 100 Dinge oder so besitzen. Das ist Schwachsinn. Nur, wenn du dein persönliches Glück über eine fast zweistellige Zahl an Besitztümern misst, solltest du dem nachgehen. Ich persönlich sammle weiterhin Bücher. Bücher, die ich wirklich lese und auf die ich stolz bin. Sie sind Trophäen meiner Reisen zwischen die Buchdeckel. Sind Bücher ungelesene Anschaffungen, die andere davon überzeugen sollen, dass du intelligent und belesen bist, lass‘ sie los.
Alles ist eine Frage der Perspektive beim Minimalismus.

 

Minimalismus geht noch weiter. Ich habe meine Festplatte aufgeräumt. Um genau zu sein: Meine Festplatten.

Alles, was auf dem Laptop gestört hat und ungenutzt war, habe ich auf den PC übertragen. Waren die Festplatten voll, habe ich mir eine externe Festplatte von Toshiba gekauft. Ein Terabyte Kram landete ungeordnet dort. Festplatte abziehen, einpacken, fertig. Der PC war wieder sauber. Dann musste irgendwann die zweite Festplatte her. Auch sie war voll. Darunter Videomaterial, das ich nicht genutzt habe und nun auch nicht mehr nutzen werde. Da musste ein Ausmist-Vogang her.

Wobei ich ebenfalls ausgemistet habe: E-Mails. Sie stören nicht, aber ein leerer Posteingang macht glücklich. Ebenso macht ein leerer Desktop und ein insgesamt möglichst blanker Schreibtisch Lust aufs Arbeiten. Du kannst dir kaum vorstellen, wie frei ich mich beim Arbeiten fühle, wenn nur meine To-Do-Liste vollgeklatscht ist und nichts außer meinem Kalender über mich bestimmt. Für beides habe ich genau einen Ort. Meinen gesamten Arbeitsalltag regele ich durch ein einziges Buch. Nirgends liegt irgendwas, was mich an irgendetwas erinnern soll oder noch erledigt werden soll.

 

Was sich durch den Minimalismus bei mir geändert hat

 

Gehirnkapazität

Stell dir mal vor, du hast drei Bankkonten. Warum auch immer, du hast sie. Die Karten dafür verbrauchen physisch kaum Platz. Ob das zwei oder drei sind, ist völlig egal. Aber Bankkonten verbrauchen Hirnkapazität. Weißt du, wie viel Geld auf jedem Konto ist? Wenn du kein Zahlenfreak bist wie ich und an Synästhesie „leidest“ (oder eher: davon profitierst), verbrauchen Bankkonten so viel Hirnkapazität, dass die negativen Einflüsse über ihre physischen Volumina hinausgehen. Und zwar massiv.

Hürden des Minimalismus

Beim Ausmisten habe ich mich schwer getan. Angefangen habe ich mit offenkundigem Müll. Was im Keller lag und seit drei Jahren (!) nicht genutzt wurde, konnte wirklich zu 95 % weg. Ich habe den Kühlschrank ausgemistet und alles, was offenkundiger Müll war, weggeschmissen. Das fiel mir deutlich weniger schwer, als erinnerungsbehaftete Gegenstände wegzuwerfen, aber es hat mich bestärkt, auch ebensolche Gegenstände zu entsorgen oder wegzugeben. Irgendwann habe ich die losgewordenen Dinge in Kilogramm gemessen – ein kleiner Tipp am Rande: Es funktioniert wunderbar! Stell dir die Kräfte vor, die du beim letzten Umzug nicht hattest. Jeder Karton, der schwer war und den Muskelkater verstärkt hat, war unangenehm. Heute merke ich bei jedem Gang zur Post und bei jedem Sack, der in der Mülltonne landet, wie viel Kilogramm mein potentieller Umzug in der Zukunft im Vorfeld verloren hat.

Kaufverhalten

Ich bin durch diesen Vorgang des Minimalismus lockerer geworden. Und ich habe Ehrfurcht davor, etwas zu kaufen. Denn das Gefühl, etwas wegzuwerfen oder anderswertig loszulassen, ist mies. Es losgelassen zu haben – dieses Gefühl ist super. Ich fühle mich stark und unabhängig. Irgendwie frei, und zwar wirklich frei. Bei jedem Ding, das ich kaufe, stelle ich mir vor, wie ich es in drei Jahren entsorge und wie sehr mir das wehtun würde. Dabei kommen mir zeitgleich Gedanken darüber, ob ich das Ding in drei Jahren noch besitzen werde. Das ist nur eine der drei Fragen, die ich mir stelle, bevor ich eine Kaufentscheidung treffe.

Arbeit als Selbstständige

Ich arbeite konzentrierter. Das hat auch damit zu tun, dass ich Zettelchen wegwerfe. Auch, wenn sie von jemandem liebevoll für mich geschrieben wurden: Der Inhalt wird in den Kalender übertragen, damit ich damit arbeiten kann. Danach verschwindet der Zettel für immer und ewig. Mein Schreibtisch ist lediglich mit dem Nötigsten vollgestellt. Ich muss nahezu keine Kraft aufwenden, um morgens mit einem leeren Schreibtisch zu beginnen. Der Workflow organisiert sich von selbst, die Wohnung, in der ich auch arbeite, ist mit zunehmendem Minimalismus-Engagement immer selbst-aufräumender geworden. Im Prinzip kann ich sagen: Ich arbeite effizienter, weil ich mich freier und stärker fühle und einen Überblick über alles habe.

 

Warum Minimalismus hilft, kreativ und produktiv zu arbeiten

Kennst du Limbi? Das ist Werner Tiki Küstenmachers Wort für das limbische System. Es ist bei allen Säugetieren vorhanden und schützt uns vor Hungersnöten, Katastrophen und Raubtierangriffen. Unter anderem geschieht das durch Vorratshaltung. Genug zu haben ist toll, aber für das limbische System in unserem Hirn ist es noch toller, einen Vorrat für schlechte Zeiten zu haben. Das hat bei den meisten Essgestörten mit Übergewicht oder gar Adipositas übrigens dieselben Ursachen.

Unsere Großhirnrinde hingegen möchte, dass Oberflächen möglichst rein und aufgeräumt sind. Liebgewonnene Gegenstände präsentieren wir gerne oder setzen sie anders in Szene. Das kann man aufgrund von Platzmangel in Wohnungen nicht mit allen Dingen machen – schon gar nicht mit allem, wovon man zu viel hat.

 

Minimalismus im Workflow

Minimalismus ist auch das Vermeiden von Aufwand. Beim Arbeiten versuche ich, so wenig Aufwand wie möglich zu haben. Stell dir vor, du bist beim Minigolf. Um ein Hole-in-one zu erzielen, versuchst du deinen Schlag fünf Mal und schießt dabei jedes Mal übers Ziel hinaus und beginnst von vorn. Klüger wäre es, über die Bande zu spielen und einen zweiten Schlag zu investieren – zwei sind weniger als fünf. Genau so organisiere ich auch meinen Arbeitsalltag. Ich investiere Zeit in sinnvolle und wirklich (wirklich!) realistische Planungen. Ich sorge dafür, dass ich jederzeit weiß, was wirklich zu tun ist und dass ich meine Ziele immer klar vor Augen habe. Wer hat schon Platz, ein ganzes Fach seines Expedit-Regals für die Visualisierung seines hoffentlich bald fertigen Romans beim geliebten Großverlag zu widmen? Ich habe das. Und es hilft mir, Tag für Tag.

 

E-Mails und Minimalismus

Aus E-Mail-Verkehr mache ich kein kaltes, konstruktives Hin und Her, sondern bleibe beim freundschaftlichen Miteinander. An Freunde sammele ich Inhalte für die nächste E-Mail über Wochen und habe weniger zu tun, indem ich alle zwei Wochen eine mit Herzblut geschriebene E-Mail an meine Freunde widme, statt notgedrungen sofort nach dem Eingang derer E-Mails eine Antwort zwischen meine To-Do-Listen-Punkte zu quetschen.

 

Plötzlich bin ich kreativ. Haltlos kreativ.

Und dann bleibt da noch die Kreativität. Dazu kann ich tatsächlich nicht allzu viel sagen. Es funktioniert einfach. Wenn jemand von euch weiß, woher das kommt, schreibt mir gerne in die Kommentare, woher es kommt, dass ich gefühlt auf Knopfdruck kreativ sein kann, nur weil ich Minimalistin bin. Es erscheint mir noch immer wie ein Wunder, obwohl dieser Zustand seit über einem halben Jahr anhält.

Dadurch, dass ich immer klare Ziele und To-Dos habe und immer weiß, was ich bis wann zu tun habe, kann ich meine unkreativen Phasen auch mit anderer Arbeit füllen und flexibel Aufgaben hin und her schieben. Das hat unter anderem auch damit zu tun, dass ich Termine wie halbjährliche Untersuchungen beim Zahnarzt oder Nuklearmediziner, das Reinigen des Waschmaschinen-Siebes, Frühjahrsputz und ähnliches schon im Januar in eine bestimmte Kalenderwoche von 2018 vorausgeplant habe. Dadurch vertraue ich mir selbst, wenn auch meinem Vergangenheits-Ich, und habe eine unfassbar entspannende Haltung.

All das und viele weitere kleine Kniffe tragen dazu bei, dass ich begriffen habe, dass das Glück im Hier und Jetzt geschieht. Ich werde nicht glücklich sein, wenn der Roman geschrieben und veröffentlicht ist. Denn nach dem Roman ist vor dem Roman. Nach dem Blogartikel ist vor dem Blogartikel. Durch einen gesunden Mix aus Achtsamkeit und Minimalismus habe ich gelernt, den Weg als das Ziel zu begreifen. Ich bin glücklich in jeder Phase meiner Schreibprojekte: Beim Plotten, beim Schreiben, beim Überarbeiten und beim ungeduldigen Warten auf Rückmeldungen von Lektor & Verlag – ich begreife das alles als Gesamtes und genieße jeden einzelnen Tag. Genieße ich mal einen Tag nicht, gestalte ich den folgenden anders, sodass das nicht noch einmal passiert. Ich schätze, all das ist Minimalismus und all das hat dazu geführt, dass mein Workflow rein und effizient ist, die Kreativität funktioniert und kleine Steine auf meinem Weg keine Felsbrocken mehr sind, sondern das, was sie in Wirklichkeit sind: Steinchen.

Ich hoffe (und wette), das funktioniert auch bei dir.

 

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