Wie man sympathische Charaktere erschafft

Liebe Lesenden,

Ich habe ein Problem: Mein Hauptcharakter ist unsympathisch!

Meine Protagonistin Mana ist oberflächlich, kalt, passiv, ignorant und ein wenig sexistisch. Dabei wollte ich sie doch trotz schlechter Attribute, nachvollziehbar und liebenswert gestalten. Was ist also schief gelaufen? Das Problem bestand darin, dass ich in meiner Kurzgeschichte Fragen aufgeworfen hatte, ohne diese mit den richtigen Antworten zu erwidern. Denn wenn es darum geht einen Charakter sympathisch zu gestalten, spielen wir mit dem Leser ein “Frage-Antwort-Spiel”.

Was ist “sympathisch”? Bevor wir weitermachen, müssen wir erst einmal definieren, was eigentlich sympathisch bedeutet.

Als ich zum ersten Mal hörte, dass meine Protagonistin unsympathisch sei, dachte ich mir nur: “Ja, die soll man ja auch nicht unbedingt mögen.”

Doch das ging direkt am Thema vorbei. “Sympathisch” bedeutet im Kontext eines Charakters nicht unbedingt, dass man diesen so gestalten muss, dass der Leser ihn mag. Wir können auch Bösewichte sympathisch gestalten und als Leser dennoch hoffen, dass der Held diesen besiegt.

Sympathisch bedeutet also eher, dass man mit dem Charakter sympathisieren und seine Handlungen nachvollziehen kann, auch wenn man nicht mag, was dieser Charakter tut.

Kurz: Ein Charakter ist sympathisch, wenn man ihn verstehen kann.

Doch wie bringen wir den Leser dazu, den Charakter zu verstehen? Wie eingangs erwähnt, muss man die richtigen Fragen stellen und die richtigen Antworten darauf geben.

 

Fragen für authentische Charaktere

Welche Fragen sollen wir also stellen? Im Grunde ist es kein großes Problem Fragen für den Leser aufzuwerfen, denn jede Beschreibung und jede Handlung eines Charakters wirft eine Frage auf.

Mana liegt am Anfang der Story in ihrer Küche, in der sie von Müll- und Wäschebergen überschattet wird.

Fragen:

  • Woher kommt all der Müll?
  • Warum liegt sie in der Küche?
  • Ist sie krank?
  • Hat sie sich verletzt?
  • Ist sie schlampig?
  • Lebt sie alleine?

Wie man sieht, kann man bereits in einem Satz extrem viele Fragen aufwerfen. Je interessanter die Fragen sind, umso eher hält man den Leser bei der Stange. Und das besonders dann, wenn in der Geschichte etwas Ungewöhnliches passiert. Interessante Fragen zu stellen ist an und für sich sogar Recht einfach:

Warum ist die Freundin des Protagonisten ein Cyborg? Warum ist die Tante des Helden erst 6 Jahre alt? Warum erhält der Hauptcharakter einen Brief seiner lang verstorbenen Frau?

Die Fragen stellen sich für den Leser üblicherweise unbewusst und ohne weiteres Zutun. Man kann auch nur begrenzt kontrollieren, welche Fragen der Leser sich stellen wird, aber eins ist sicher: Der Leser erwartet jetzt Antworten!

 

Antworten für schlüssige Charaktere

Interessante Fragen allein können nur wirken, wenn die Antworten darauf ebenso interessant und vor allem schlüssig sind.

Kennt ihr noch die TV-Serie “Lost”? In dieser gab es am Ende einer jeden Folge einen fiesen Cliffhanger. Es wurde also eine interessante Frage aufgeworfen, sodass man als Zuschauer nicht anders konnte, als endlich die nächste Folge zu sehen, um Antworten zu bekommen.

Doch genau in diesem Gebiet scheiterte die Serie letztendlich kläglich. Die Fragen waren zwar stets interessant, doch die Antworten darauf wurden immer abstruser.

Was als eine bodenständige Survival-Story von Überlebenden eines Flugzeugabsturzes begann, hatte sich irgendwann in einen obskuren Zeitreise-Traumsequenz-Wirrwarr entwickelt und viele Zuschauer fühlten sich betrogen, da sie einfach die falschen Antworten, auf ihre Fragen bekamen.

Wenn die Antworten halbgar oder zu abstrus sind, dann kann sich der Leser auch nicht mehr in die Charaktere einfühlen, da er das Gefühl hat, dass alles rein zufällig passiert.

Gute Fragen aufzuwerfen allein, hilft also nicht viel, wenn man auf sie keine Antwort hat oder die Antwort komplett an den Haaren herbeigezogen wurde. Wir kommen also nicht daran vorbei, uns sehr intensiv mit unseren Charakteren auseinanderzusetzen.

Um auf die Frage mit Mana zurückzukommen:

“Warum liegt sie denn jetzt in der Küche, zwischen Müll und Wäsche?”

 

Die Antwort darauf: Mana hat vor kurzem erfahren, dass ihre Mutter gestorben ist. Mana hat die Mutter stets liebevoll gepflegt und unterstützt, doch hatte selbst niemanden, der ihr unter die Arme greifen konnte. Deswegen wollte die Mutter, dass Mana jemanden hatte, der auf sie aufpassen würde und hat deswegen für ihre Tochter einen Heiratskandidaten ausfindig gemacht. Mana sucht zwar einen starken Partner, der sie unterstützen kann, möchte aber nicht bevormundet werden, wen sie heiraten soll, sondern frei entscheiden. Trotzdem ist Mana unsicher und hat Angst einsam zu sterben, wie ihre Mutter. Die Entscheidung ist zu viel für Mana. Sie hat komplett aufgegeben und beginnt zu verwahrlosen.

Das alles sind die Antworten, die die Frage am Anfang beantworten würden. Doch was nützen all die Antworten, wenn man sie dem Leser nicht oder nicht anständig präsentiert?

Der Leser hatte also nur all die aufgeworfenen Fragen. Und da er so lange auf die Antworten warten musste oder diese nicht bekam, hat er sich die Antworten selbst zusammengereimt.

Für den Leser entsteht also ein Bild einer verantwortungslosen Person, die nicht auf sich selbst achten kann und die auch noch arrogant rüberkommt und von Männern verlangt, in allen Belangen die Führung zu übernehmen.

Mana wird damit unsympathisch. Obwohl ihr Verhalten erklärbar wäre und sie eigentlich die Chance hätte, vom Leser verstanden zu werden, blieben ihre Handlungen und ihre Charakterzüge unnachvollziehbar.

 

Fazit: Sympathische Charaktere erstellen

Da diese Geschichte noch ein Prototyp war, war ich mir selbst noch nicht ganz klar über die Hintergründe der Charaktere und konnte somit selbst keine kompetenten Antworten auf die aufgeworfenen Fragen geben.

Zum Glück haben mich viele reizende Testleser auf genau dieses Problem aufmerksam gemacht, weswegen ich jetzt die Chance habe, die Geschichte noch einmal umzuschreiben; doch diesmal mit Antworten auf alle Fragen im Gepäck.

Wenn du also das Gefühl hast, deine Story hängt irgendwo und die Charaktere kommen nicht so rüber, wie erwartet, dann antizipiere mithilfe von Testlesern alle aufkommenden Fragen.

Stehen alle Fragen im Raum, gehe nochmal in dich und verbringe einen Abend mit deinen Charakteren, lass sie einfach selbst alles beantworten und ziehe deine Schlüsse daraus.

Ob mir das mit Mana gelingen wird, könnt ihr dann hoffentlich noch dieses Jahr nachlesen, im zweiten Teil der Sehnsuchtsfluchten-Anthologie. 😄

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