Schlingen legen, Vorahnungen schüren

Wer kennt es nicht? Du bist in dein Buch vertieft und auf einmal fällt dir etwas auf. Vielleicht ist es ein Nebensatz, der ein Detail ein wenig zu genau beschreibt oder ein seltsamer Blick des Antagonisten und auf einmal ist es, als hätte jemand ein Puzzleteil an die richtige Stelle gerückt.

Das ungute Gefühl, das du die ganze Zeit hattest, ergibt auf einmal einen Sinn!

Du hattest mit deinen Vorahnungen Recht.

Den eigenen Verdacht in einer Geschichte bestätigt zu sehen, ist ein tolles Gefühl. Man fühlt sich wie ein Detektiv. Es macht die Geschichte spannender und regt den Leser zum selbstständigen Denken an. Aber wie schafft man es als Autor, die metaphorische Schlinge zu legen, ohne dass der Leser direkt merkt, was passiert?

Was ist eine Vorahnung?

Eine Vorahnung ist erst einmal nichts anderes, als ein unbestimmtes Gefühl. Ein sechster Sinn, der anschlägt, wenn etwas nicht stimmt. Oft nimmt man gar nicht aktiv wahr, wieso man ein ungutes Gefühl hat, aber man spürt die Gewissheit, dass etwas schief gehen wird oder dass eine Person gefährlich ist.

Gerade weil sich einem das Wieso häufig entzieht, ist es so schwierig, das Gefühl in seinen eigenen Geschichten zu replizieren. Deshalb habe ich einige hilfreiche Tipps zusammengestellt, die dir hoffentlich helfen werden, selber Vorahnungen zu schüren.

Die Vorbereitung

Bevor du damit anfangen kannst, das ungute Gefühl in deinen Lesern zu wecken, müssen sie mit den Regeln deiner Welt vollkommen vertraut sein. Je nach Genre und Setting kann das schon nach dem ersten Kapitel erledigt sein oder eine gute Weile des Buches in Anspruch nehmen. Wichtig ist, dass du trotz Worldbuilding früh genug mit deinen Vorbereitungen anfängst.
Aber weil für ein ungutes Gefühl die Norm überschritten werden muss, kann ich nicht deutlich genug betonen, wie wichtig feste Regeln sind.

Die Vorahnung

Details sind dein bester Freund, wenn es darum geht, dem Leser ein schlechtes Gefühl zu vermitteln. Vielleicht schreibst du einen Krimi und es ist bekannt, dass der Mörder eine bestimmte Sorte Zigaretten raucht. Warum erwähnt nicht einer der Verdächtigen in einem Verhör, dass er eine Raucherpause eingelegt hat? Oder (noch unauffälliger) dem Kommissar fällt ein Pflaster auf, dass der Verdächtige am Arm trägt, bei dem sich später herausstellt, dass es Nikotinpflaser sind.
Hier ist Kreativität gefragt, aber es ist wichtig, dass die Hinweise nicht zu auffällig sind, denn ansonsten raubst du dem Leser den Spaß einer Vorahnung.
Eine Faustregel: Je ungewöhnlicher das Detail, desto seltener muss es erwähnt werden.

Ganz wichtig ist ebenfalls die Wortwahl. Hier lohnt es, auf Widersprüche zu setzen. Stelle dir eine Figur vor, die von ihren Freunden als süß, lieb und hilfsbereit beschrieben wird, aber du wählst für die Beschreibung ihres Lächelns das Wort Raubtierlächeln. Das ist natürlich sehr offensichtlich und wenn du nur eine Vorahnung schüren wolltest, wäre dieses Wort schon zu viel, aber du siehst, wie viel von deiner Wortwahl abhängt.
Denke also nicht nur darüber nach was passiert, sondern auch wie es aussieht.

Du entscheidest, wo der Fokus deiner Figuren und damit der Fokus des Lesers liegt. So kannst du Informationen unterschlagen oder preisgeben, wie es (im Sinne deiner Figuren) passt. Wenn Figur A in dem Büro seines Professors wartet und aus Langeweile die Titel der Bücher in seinem Regal liest, ist das nicht ungewöhnlich. Der seltsamen Zimmerpflanze mit fleischigen Blättern schenkt er, nebst eines kurzen Blickes, kaum Beachtung. Figur B, eine Biologiestudentin mit Schwerpunkt Botanik, hätte diese Pflanze als giftig identifizieren können und damit den Mord an der Sekretärin aufklären können.
Aber da es nun Figur A ist, der im Büro des Professors wartet, findet er erst Kapitel später heraus, dass das Gift aus einer Pflanze gewonnen wurde, die erstaunliche Ähnlichkeit hat, mit der Zimmerpflanze des Professors hat.

Es ist außerdem von Vorteil, wie in dem Punkt davor schon angedeutet, wenn man mit verschiedenen Perspektiven arbeiten kann. So hat der Leser die Möglichkeit Informationen zu verbinden, ohne dass die Figuren dieselben Schlussfolgerungen ziehen können.

Außerdem: Nicht jedes Detail muss wichtig sein. Gewöhne deinen Leser schon früh an einen gewissen Informationsfluss und es ist viel einfacher, die Details, die später zu einem unguten Gefühl beitragen können, zu verstecken.

Die Festigung der Vorahnung

Um deine Vorahnung zu festigen, musst du immer wieder ungewöhnliche Details einstreuen, im Verlauf des Buches sehr auf deine Wortwahl achten und den Fokus deiner Figuren ständig im Blick behalten.

Hier ist Fingerspitzengefühl gefragt: Gibst du zu viel preis oder bist zu deutlich, kann der Leser direkt erraten, worauf du hinauswillst und es wird langweilig. Zu wenige Details und der Leser bekommt gar nicht mit, dass gerade etwas Wichtiges passiert.
Aber unterschätze niemals: Deine Leser sind intelligent und für die meisten wird deine Geschichte nicht die erste sein, die sie in der Hand haben. Rechne damit, dass sie die Klischees deines Genres kennen und vor allem erkennen, wenn du sie ihnen als Plottwist unterjubeln willst.

Also gilt hier: Lieber zu wenig verraten als zu viel.

Ein Wort zum Abschluss

Du kannst nicht erwarten, dass jeder Leser alle Geheimnisse deiner Geschichte entdeckt. Kaum einer wird dein Buch mir Argusaugen lesen, also musst du sicher gehen, dass dein Buch auch ohne diese Vorahnungen Sinn ergibt und vor allem spannend bleibt.
Vertraue hier auf die Hilfe deiner Testleser. Sie können dir sagen, ob du es geschafft hast, Vorahnungen zu schüren oder ob deine Hinweise zu offensichtlich waren.

Mir bleibt jetzt nur noch zu sagen: Viel Spaß beim Schreiben und Schlingen legen. 🙂

 

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