Rezension: Fucked Up

Veit Lindau ist bekannt durch seine kurzen Ratgeber zu Themen wie Selbstliebe, Erfolgsbooster, „Heirate dich selbst!“, „Seelengevögelt“ oder „Werde verrückt!“. Er ist Motivationstrainer und bedient sich der alltäglichen Sprache, gerne auch Slang, um an seine Leser zu kommen. In „Fucked Up“ geht es um das Klarkommen, Managen und Genießen besonders schwieriger Situationen. Mit diesem 128 Seiten Hardcover halten wir also einen Krisenmanagement-Ratgeber incl. Motivationscoach in den Händen.

Buchinformationen


Titel: Fucked Up: Wie du aus Sch… Kompost machst!
Erscheinungsdatum: 13. November 2017
Autor: Veit Lindau
Verlag: Kailash
Preis: 10,00 €
Seiten: 128

Klappentext:

Unsere Leistungsgesellschaft konditioniert uns darauf, zu leisten, immer Bescheid zu wissen, gut drauf zu sein… Wir vermeiden krampfhaft Niederlagen und die damit verbundene Erfahrung der Ohnmacht. Dieses Buch ist ein liebevoller und kerniger Mutmacher für alle, die gerade down sind. Es handelt von der Kunst zu scheitern. Die Schätze unseres Lebens erwarten uns nicht nur auf dem Gipfel, sondern häufig auch im Tal. Im Scheitern liegt eine kostbare Chance, uns selbst auf einer wesentlich tieferen Ebene kennenzulernen, zu heilen und nach Hause zu bringen. Die besten Lektionen kommen nie, wie wir sie uns wünschen. Das Leben pflanzt seinen wertvollsten Samen gern in den schmutzigsten Dreck. Diamanten entstehen unter hohem Druck. Die Verzweiflung der Raupe ist die Vorfreude des Schmetterlings. Keine Dunkelheit ohne Licht. Und der größte Sch… haufen taugt immer als fruchtbaren Kompost für deinen Neuanfang.

Auch Erfolgsprofis wie Veit Lindau erwischt es. Das Leben nahm ihn in die Mangel. Es lief schief, was nur schief laufen konnte. In diesem Buch teilt er ehrlich und menschlich seine persönlichen Erfahrungen und lädt dich dazu ein, deine Krise auch als Chance und Weckruf zu begreifen. Er beschreibt handfest und herzlich einen Weg, würdevoll in deinem Mist anzukommen und ihn in wertvollen Dünger zu verwandeln. Um so am Ende nicht als Sieger, aber immer als Gewinner auf einer tieferen Ebene hervorzugehen.

Gesamtmeinung

Ich kenne Veit Lindau bereits von Büchern wie Opus, Erfolgsbooster oder Selbstliebe. Er ist sehr praxisorientiert und kümmert sich darum, seine Leser wirklich zu erreichen und ihnen durch Übungen und selbst zu beantwortenden Fragen zu helfen. Das tut er auch in Fucked Up*, mit der Einschränkung, dass ich offenbar nicht zu seiner Zielgruppe gehöre. Als 24-Jährige, die schon alles an (Lebens-)Krisen mitgenommen hat, was mir begegnet ist, habe ich offenbar viel mehr erlebt als so ein durchschnittlicher Fucked-Up-Leser. Das finde ich für mein junges Alter und angesichts der Tatsache, dass ich gerade am Beginn meiner Selbstständigkeit stehe, höchst befremdlich. Und das prägt auch meine Gesamtmeinung zu Fucked Up: Das Krisenmanagement, das Veit Lindau bespricht, ist oberflächlich und unnütz für jemanden, der schonmal gelebt hat. Genauer gehe ich dabei gerne in den Stärken und Schwächen ein.

Stärken und Schwächen

Die erste Schwäche zuerst: „Scheiße“. Veit Lindau liebt das Wort Scheiße, alternativ auch Mist. Pro Buchseite kommt eines der beiden Synonyme im Schnitt ein Mal vor. Vielleicht auch zu alle zwei Seiten. Dabei könnte man irgendwann auch die ganze „Scheiße“, die Veit Lindau so kreativ als solche beschreibt, mal beim Namen nennen. Worum geht es? Kann er nicht mal eine Sinnkrise als Beispiel nennen? Eine Trennung vom Partner? Überforderung? Ausgebranntheit? Nein, es ist immer „Scheiße“, damit der Leser sich mit jeder beliebigen Lebenssituation in seine oberflächlich angekratzten Postkartenweisheiten einfinden kann. Mich als Leserin hat er leider verloren: Ich bezeichne meine Krisen nicht als „Scheiße“, und ich wusste auch vor dem Lesen dieses Buches, dass es im Leben auf und ab geht und nicht immer bergauf.

Eine Stärke sind die sieben falschen Regeln. Gut, ich kannte sie ebenfalls alle vorher, habe sie aber noch nie so auf einem Blick mit den kurzen, aber prägnanten Worten des Widerspruchs gesehen. Wir sollen nicht die ganze Zeit positiv denken – natürlich nicht! Das ist Bullshit. Täuscht euch keine optimistische Miene vor und vergesst das, was euch nicht gut tut, sondern bringt einfach Licht ins Dunkel. Beleuchtet die Fehler und arbeitet an ihnen. Veit Lindau betont, dass Fehler zum Leben dazugehören und von jedem von uns willkommen geheißen werden müssen. Auch das ist mehr als nur logisch: Ohne den Mut zum Scheitern hätten wir als Babies wohl kaum Laufen gelernt. Diese Punkte sind – abgesehen vom inflationären „Scheiße“-Gebrauch – auf den Punkt formuliert und sprachen mich beim Lesen sehr an.

Die theatralische Darstellung des eigenen Lebens des Autors zeigt, wieso das Buch generell oberflächlich gehalten ist: Die eigene Geschichte von Veit Lindau erschien mit beim Lesen als Lappalie, er selbst als behütetes Kindchen der oberen Mittelschicht, der irgendwelche Ansprüche an sich hat und sobald eine Krise kommt, nicht weiter weiß. Bis er auf die glorreiche Idee gekommen ist, wie er Krisen zu behandeln hat. Wie man „aus Scheiße Kompost“ macht. Dafür könnt ihr sein Buch kaufen, euch auf seiner Website umsehen (juhu, sie funktioniert wieder. Wenn du das Buch gelesen hast, wirst du an dieser Stelle schmunzeln.) und doch gleich einen Kurs oder ein Coaching buchen. Das empfinde ich als ziemlich schwach: Fucked Up ist ziemlich an den Haaren herbeigezogen, oberflächlich, und wer mehr erfahren / lernen soll, muss eben ein „richtiges“ Coaching machen. Aber Bücher können selbst gute Coaches sein, wenn sie gut geschrieben sind.

Des weiteren fühle ich mich manchmal etwas unterschätzt. Als Autorin weiß ich, dass man seine Leser nie unterschätzen soll. Aber in einer der Übung heißt es, man soll sich selbst eine Fage stellen, sie beantworten, sie sich nochmal stellen, dann die nächste… Und am besten nur drei der Fragen, dann fünf bis zehn Minuten Pause machen. Als selbstreflektiertes Wesen kenne ich meine Probleme und suche eher nach einem Ansatz, sie Stück für Stück abzubauen. Ich las also über die Fragen rüber und hatte spontan sofort Antworten parat. Warum man nach drei Fragen an sich selbst eine lange Pause braucht, ist mir nicht klar, aber Veit Lindau hält seine Leser und Leserinnen offenbar für Idioten, die von ihm die Welt des Krisenmanagements von Anfang an erklärt bekommen.

Übrigens, auf Seite 12 steht: „Dies ist ein Buch für Langsam-Lerner, die Dicken, die Dummen…“ – ich kenne viele Leute, die sofort die Hand heben, wenn es darum geht, sich beleidigt zu fühlen. Diese Leute als Leser zu wissen (da sie in jeder Zielgruppe vorkommen) erfordert definitiv ein anderes Feingefühl. Man könnte sich veräppelt vorkommen, wenn ein oberflächliches Buch ausgerechnet für Dicke und Dumme Leute gedacht ist. Zumal man automatisch dumm ist, wenn man dick ist, oder was, Veit? An dieser Stelle habe ich mich tatsächlich etwas empört, kann aber darüber hinwegsehen. Dennoch sieht man, dass da ein Autor schreibt, der Bücher am laufenden Band schreibt. Ich glaube auch nicht, dass Lindau das Buch aus eigenem Impuls geschrieben hat, sondern dass der Verlag mal wieder Nachschub an Veit Lindau Ratgebern brauchte. Die verkaufen sich wie warme Semmel. Also hat der Verlag etwas gesagt wie: „Veit, schreib‘ mal wieder was!“ – „Was braucht ihr denn?“ – „Egal, irgendwas.“ Und dann schrieb er – irgendwas.

Bringt dich Fucked Up weiter?

Ich möchte von mir nicht auf andere schließen. Wenn du ein 18-jähriger junger Autor bist, der noch bei den Eltern zu Hause wohnt, zur Schule geht und der sich auf Show, don’t tell umsieht, um sich nach der Schule irgendwann selbstständig zu machen und scih auf Krisenmanagement vorzubereiten, kann Fucked Up* dich wirklich weiterbringen. Tatsächlich ist das Buch besonders geeignet für diejenigen, die ungern lesen und sich sprachlich keine lange Zeit auf einem gewissen Niveau bewegen können. Denn solche Leute spricht Veit Lindau an. Ich kenne solche Leute nicht und habe noch nie jemanden mit derart niedrigen Ansprüchen in meiner oder einer anderen Branche angetroffen, aber was nicht ist, kann ja noch werden. Bist du absolut grün hinter den Ohren und hast keine Ahnung von gar nichts, bietet das Buch einen netten Einstieg. Aber für 10,00 € kannst du auch einen richtigen Ratgeber kaufen. Einer, der dich gleich zum Fortgeschrittenen macht und dir wirklich hilft.

Bewertung von Fucked Up

1 von 5 Münzen

Keine Kaufempfehlung. Eingeschränkt für diejenigen, die noch nie mit einer Krise umgehen mussten und ein niedriges sprachliches Niveau bevorzugen.

Überzeuge dich selbst und kaufe dir Fucked Up von Veit Lindau* selbst!*

 

 

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