Der Nominalstil – drei Gefahren und eine Chance!

Egal, ob du gerade mit dem Schreiben beginnst oder ob du schon lange dabei bist – die Frage des Stils bleibt für Autoren immerzu relevant. Welche Ausdrucksweise passt zu deinem Roman? Wie bringst du deine inhaltlichen Ideen sprachlich gut rüber? Mit welchem Stil erreichst du deine Leser, anstatt sie zu vergraulen?

Die Antworten auf diese Fragen sind nicht immer einfach, das wird beim Thema Nominalstil deutlich. Doch es lohnt sich, nach ihnen zu forschen und so ein Gespür dafür zu bekommen, wie du deinen Stil verbessern kannst. Indem du lernst, wie du Nominalisierungen bewusster einsetzt, wird dir genau dies gelingen.

 

Der Nominalstil – was ist das eigentlich?

In der deutschen Sprache lassen sich dieselben Sachverhalte auf verbale oder auf nominale Weise ausdrücken. Ist ein Text durch häufige Nominalisierungen geprägt, spricht man auch vom Nominalstil.

Vor allem in wissenschaftlichen, behördlichen oder juristischen Texten ist der Nominalstil zu Hause. Das bedeutet aber nicht, dass er beim Geschichtenschreiben überhaupt nichts zu suchen hat. Manchmal kann er durchaus ein sprachlicher Gewinn sein. Damit das klappt, sollten dir zuallererst die unterschiedlichen Möglichkeiten etwas auszudrücken bewusst sein. So kannst du nach Bedarf variieren.

Nimm dir einfach mal einen deiner Texte vor und überlege an geeigneten Stellen, wie er sich umformulieren lässt. Suche nach Nominalisierungen und wandle sie in Verbalstil um oder probier einmal aus, wie sich verbale Konstruktionen nominal ausdrücken lassen.

 

Ein Beispiel:

Nominalstil

Meine Liebe zu Robert hatte sich in einen Fluch verwandelt. Das Äußern meiner Zweifel hatte mir keine Gewissheit gebracht – das Beisammensein im engen Auto, das Aus-dem-Fenster-Starren, sein Schweigen: Die Unerträglichkeit unserer immer noch währenden Existenz in Vollendung.

Verbalstil

Ich liebte Robert, doch nun verfluchte ich mich dafür. Meine Zweifel hatte ich ausgesprochen, doch woran ich war, wusste ich immer noch nicht. Wir saßen auf der Rückbank und unsere Körper berührten sich, er starrte aus dem Fenster und schwieg. Wir existierten weiter und das schien mir auf einmal unerträglich.

 

Drei Gefahren für deine Geschichten

Wenn du den Wechsel zwischen Verbal- und Nominalstil beherrschst, schaltest du eine riesige Problemquelle beim literarischen Schreiben aus. Vor allem in der Überarbeitungsphase wird dir dieses Können dabei helfen, deine Texte lebendiger zu machen. Natürlich muss nicht jede Nominalkonstruktion weichen. Doch ungünstige Formulierungen fallen dir nun auf und du kannst Alternativen entwickeln.

 

Deine Texte werden schwer lesbar

Die Knappheit des Nominalstils hat ihren Preis: Häufig leidet die Lesbarkeit. Der Leser muss die verschachtelten Informationen erst einmal für sich auflösen.

Die Formulierung „Die Unerträglichkeit unserer immer noch währenden Existenz in Vollendung“ klingt vielleicht gar nicht schlecht und wäre eine schöne Formulierung, wenn du einen etwas abgehobenen Erzählsound bezweckst – leicht verständlich ist sie nicht.

Geh also deine Texte durch und suche nach Stellen, an denen es auch einfacher geht. Nominalkonstruktionen lassen sich häufig durch Nebensätze auflösen und deine Geschichte liest sich flüssiger.

 

Du schreibst zu abstrakt

„Meine Liebe zu Robert hatte sich in einen Fluch verwandelt“ ist nicht unbedingt eine schlechtere Formulierung als „Ich liebte Robert immer noch und verfluchte mich nun dafür“. Je nach Genre und Anspruch könnte sie sogar besser geeignet erscheinen.

Die konkrete Version jedoch ist sicherlich die zweite. Hier geht es darum, dass ein Ich etwas tut. Wir sind mittendrin im Geschehen. Version 1 hingegen schwebt eher über den Dingen und klingt wie die Beschreibung einer Naturbeobachtung.

Wie gesagt – das muss nicht unbedingt schlecht sein. Häufig jedoch wollen wir den Leser möglichst stark in die Emotionen der Figuren einbeziehen – da ist der Verbalstil im Vorteil.

 

Deine Geschichten verkaufen sich nicht

Nicht nur beim eigentlichen literarischen Schreiben, auch beim Schreiben über dein Schreiben ist der Nominalstil mit Vorsicht zu genießen. Im sogenannten Exposé bietest du deine Werke Verlagen und Agenturen an und versuchst möglichst knapp zusammenzufassen, worum es in deiner Geschichte geht.

Hier tappen viele Autoren in die Falle, sehr allgemeine Formulierungen zu wählen, da sie so auf kleinstem Raum möglichst viel Inhalt unterbringen. Dies geht häufig mit Nominalisierungen und Abstraktionen einher. Eindrücklicher ist es jedoch auch hier, wenn du möglichst konkrete Formulierungen im Verbalstil wählst.

 

Ein Beispiel:

  • Nach dem überraschenden und etwas peinlichen Kennenlernen der beiden Protagonisten folgt eine Phase, in der Luisa trotz Petes unaufhörlicher Bemühungen keinerlei Interesse an einem Wiedersehen empfindet. (Nominalstil, ziemlich abstrakt)
  • Pete überfährt Luisa beinahe mit dem Einkaufswagen und stößt dabei ein Weinregal um. Aus Mitleid gibt sie ihm ihre Telefonnummer, von der er ausgiebig Gebrauch macht. Doch auch nach dem fünften Anruf hat Luisa keine Lust Pete wiederzusehen. (Verbalstil, konkret)

 

Eine Chance für deine Geschichten

Es gibt beim Kreativen Schreiben keine festen Regeln und das ist auch gut so, denn sonst hätte es mit Kreativität nichts mehr zu tun. Wie alle Möglichkeiten sprachlichen Ausdrucks lassen sich auch Nominalisierungen in literarischen Texten gewinnbringend einsetzen.

 

Der Nutzen des Nominalstils

Durch einen Blick auf die angestammten Bereiche des Nominalstils erkennen wir mögliche Chancen. In wissenschaftlichen oder journalistischen Texten helfen Nominalkonstruktionen dabei, komplexe Sachverhalte platzsparend auszudrücken. Dabei werden stilistische Konventionen geprägt und auch bestimmte Begriffe geprägt.

Wie lässt sich dies in literarischen Texten nutzen?

 

Stilmittel und Show don’t tell

Mit Hilfe des Nominalstils kannst du eine bestimmte Stimmung, eine bestimmte Haltung oder ein bestimmtes Milieu erlebbar machen: Show, don’t tell im wahrsten Sinne des Wortes. Damit gleicht dieser Stil allen anderen Möglichkeiten sprachlichen Ausdrucks, die sich gezielt einsetzen lassen, um dem Leser einen Interpretationsspielraum zu eröffnen, ohne etwas direkt zu sagen.

Die folgenden zwei Anwendungsbeispiele konkretisieren diese Möglichkeit.

 

Beispiel 1: Charakterisierung der Figuren durch ihre Sprechweise

Eine ganze Reihe an sogenannten Stiltipps verliert ihre Geltung, wenn sie der Charakterisierung einer bestimmten Figur dienen. Du sollst möglichst wenige Fremdwörter benutzen? Wenn deine Figur ein eingebildeter Professor ist, dann gilt das Gegenteil! Wertende Adjektive nehmen zu viel vorweg und bevormunden den Leser? Vielleicht passen diese perfekt zu deiner Figur, die genau mit dieser Haltung durchs Leben geht!

Durch die Sprechweise deiner Figuren erlebt der Leser, wo sie herkommen, was sie ausmacht und welche Haltung sie an den Tag legen. Der Nominalstil ist eine Möglichkeit, die du hier einfließen lassen kannst. Zu welcher deiner Figuren könnte er passen?

 

Beispiel 2: Atmosphäre durch Nominalisierung

Gewollte Nominalisierungen müssen keinesfalls auf die Figurenrede beschränkt bleiben. Spielt dein Roman beispielsweise im akademischen oder juristischen Milieu oder schreibst du eine Dystopie, können sie die Stimmung deiner literarischen Welt auch im Haupttext bereichern.

Stell dir vor, dein Held kämpft gegen die Mühlen einer allmächtigen Bürokratie. Was beschreibt die Situation besser als immer mal wieder auftauchende Nominalisierungsmonster, denen er sich beim Anrennen gegen den Wahnsinn ausgesetzt fühlt? Oder du schreibst eine Wissenschaftskomödie und treibst das Nominalisieren auf die Spitze  – eine schöne Möglichkeit, Ironie und Sarkasmus in deinen Text zu bringen.

 

Entwickle deinen Erzählsound!

Der Nominalstil ist nur ein Beispiel von vielen, wie vielschichtig die Frage nach dem guten Stil in literarischen Texten ist.

Meist lassen sich die Dinge auf verbale Weise eleganter ausdrücken. Vor allem beim Überarbeiten wird dir ein gutes Gespür für diese Möglichkeit enorme Dienste leisten. Falls du in diesem Punkt noch nicht allzu fit bist, lohnt es sich, dass du dich darin übst.

Und dennoch gilt wie bei allen sprachlichen Aspekten deines Schreibens: Es gibt kein absolutes falsch oder richtig. Entscheidend ist, dass du einen Erzählsound entwickelst, der zu deinem Projekt passt.

Gehören an der einen oder anderen Stelle Nominalisierungen dazu? Trägt der Nominalstil sogar dazu bei, dass deine Erzählung erlebbarer wird? Dann hast du mit ihm ein erzählerisches Mittel an der Hand, das deinem Text – sparsam eingesetzt – eine besondere Note verleiht.

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